Unverhofftes Wiedersehn

UNVERGOFFTES WIEDERSEHEN


William Andersons musikalische Behandlung der Geschichte von Johann Peter Hebel, nach der Übersetzung von John Hibberd.


------"Die wunderbarste Geschichte, die es gibt."--Franz Kafka----

 

Johann Peter Hebel (10. Mai 1760 – 22. September 1826) schrieb in alemannischem Dialekt. Sein Werk brachte ihm die höchste Anerkennung von vielen der großen Schriftsteller seiner Zeit und darüber hinaus — Goethe, Tolstoy, Hesse, Kafka, Heidegger, Benjamin, Elias Canetti.

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Es war kühn von Hermann Hesse zu sagen, dass Hebel "viel sicherer und in der Wirkung reiner und mächtiger als Goethe" war. Goethe war so fasziniert von Hebels Werk in alemannisch, dass er selber versuchte Gedichte in diesem Dialekt zu schreiben.

Hebels berühmteste Geschichte "Unverhofftes Wiedersehen" wurde von E.T.A. Hoffmann erweitert ("Die Bergwerke zu Falun"). Richard Wagner schrieb eine Prosaskizze, basierend auf derselben Geschichte und malte sich eine Oper aus. Franz Kafka nannte "Unverhofftes Wiedersehen" "die wunderbarste Geschichte, die es gibt."
Ein Bergmann verirrt sich an seinem Hochzeitstag in einer Mine. 50 Jahre später finden Bergmänner seinen Leichnam, vollständig konserviert in Eisensulfat. Seine Braut lebt, sieht ihren Mann und erkennt ihn wieder. Sie begleitet seinen Leichnam zum Friedhof, "als wenn es ihr Hochzeittag [...] wäre". Während dieser 50 Jahre gab es viele Sterbefälle: öffentliche Tode, Naturkatastrophen, das Erdbeben von Lissabon, Attentate, Ereignisse von historischer Größe. Schließlich sieht die Geschichte einem finalen Tod entgegen: dem Tod
der Braut. Komponist William Anderson gestaltet die Handlung neu und rückt sie in unsere Zeit, mit Baby-Boomer Pennsylvania als Schauplatz und dem Amtsantritts von Obama als Abschluss einer Reihe von Ereignissen.
Warum waren Wagner und Kafka so interessiert an dieser Geschichte?


Walter Benjamin sagte über diese Geschichte: "Der Tod ist die Sanktion von allem, was der Erzähler berichten kann. Vom Tode hat er seine Autorität geliehen". Hebel stieß auf die wagnerische Idee von "Eros & Thanatos" Jahrzehnte vor Wagner selber. Sterbefälle und eine Hochzeit markieren Abschnitte auf verschiedenen "Zeitskalen". Der zeitliche Rahmen der Braut und des Bräutigams wird gemessen an den zeitgeschichtlichen Toden und Katastrophen die stattfanden, während der Bergmann unter Tage verschollen war. Es gibt eine Verschmelzung zwischen der Zeit, die durch historische Ereignisse gemessen wird und der Zeit, die durch die alchemischen Geschehnisse unter Tage gemessen wird.


Hebel war unbeabsichtigterweise Symbolist. Er stieß auf etwas, dass die Lyrik für ein Jahrhundert lang beherrschen sollte. Wir können uns Hebel als einen Volkssymbolisten vorstellen. Durch das Erzählen seiner Geschichte entspricht Hebel genau den Hauptsäulen von Wagners Symbolismusgrundsätzen, in denen der Tristan-Akkord und der Dominantseptakkord zum auralen Yin und Yang des Westens werden, das authentische westliche Gegenstück zu Chinas visuellem Symbol.
Tristan-Akkord ---------- Dominantseptakkord
kl. Terz, kl. Terz, gr. Terz – gr. Terz, kl. Terz, kl. Terz
Ein weiteres außergewöhnliches Beispiel für Eros/Thanatos als Einheit findet sich HIER.

Hebel sollte auch für seinen Philosemitismus anerkannt werden. In Hebels "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes", der Sammlung von Geschichten und Vignetten in der "Unverhofftes Wiedersehen" erscheint, findet sich ein wichtiger und anteilnehmender Bericht über den großen Sanhedrin zu Paris.
Einige Anmerkungen zu meiner Arbeit für Zaidee:
Klang des 21. Jahrhunderts: "In Einklang bringen von Tönen, die die Modernisten ausschließen und Tönen, die die Minimalisten ausschließen, sowie Töne, die beide ausschließen; auf fachlicher Ebene: das Loslösen der Technik von der Klangwelt, in der sie zum ersten Mal Anwendung fand. Dies sind, weitgehend, die Grundsätze, die meine Musik davon abhalten in jeglichen, derzeit etablierten Kreis zu geraten." Das ist ebenfalls der Grund, wieso ich einen stetigen Kampf führe.
Amerika vs. Europa: Die Vereinigten Staaten sind noch immer der Wilde Westen, eine Improvisation, mit einem tobenden Lärm von billigen Ephemera, die sich einem ständig aufdrängen. Was hallt deutlich wider und sticht hervor? Emerson, Whitman, Dewey, Edmund Wilson, Wallace Stevens. Diese Zeile trifft uns mit großer Wucht: Maimonides/Averroes/Aquinas--Spinoza--Goethe--Emerson. In der Musik übernahm Amerika verdrängte europäische Größen: Schoenberg, Stravinsky, Krenek, Hindemith. Es ist noch nicht zu spät, zu verhindern, dass die von ihnen gesäten Traditionen verwelken. Zu beachten sind die Nachfahren dieser Komponisten und der bemerkenswerte Überfluss an Kompositionstechniken, die daraus im 20. Jahrhundert entstanden. Ich gehe daraus hervor, bin aber von Natur aus auch Ivesier.
Wie man ein amerikanischer Komponist ist? Ich bin ein Kritiker von Babbitts früher Rezeption eines deutschen abstrakt-expressionistischen Dichters, August Stramm. Babbitt kam bald darüber hinweg und adoptierte den emersonischen John Hollander.
Wahrheiten, Werte, Konzepte aus weit verstreuten Orten und Zeiten treffen uns und wir können alsdann daran arbeiten, sie in Bewegung zu setzen. So wie Ives, benutze auch ich gefundene musikalische Objekte als eine Möglichkeit, hier im wilden wilden Westen zu sein und vertraue darauf, dass meine Empfindsamkeit, insbesondere meine modernistische Herkunft, diesen Objekten in einer musikalisch authentischen Weise entsprechen. Ohne diese einfache, öffentlich gehandelte musikalische Landeswährung, wäre ich in der Gefahr genauso exklusiv und irrelevant zu sein, wie die bekanntermaßen exklusiven und irrelevanten modernistischen Helden des 20. Jahrhunderts.
Meine musikalische Behandlung von Johann Peter Hebels kurzer Kurzgeschichte Unverhofftes Wiedersehen, bringt ihr proto-wagnerisches Eros & Thanatos nach Amerika, indem sie die Geschichte in die Baby-Boomer Ära der USA versetzt und mit 3 Takten eines Bluegrass-Solos von Tony Rice beginnt. Das Bluegrass Motiv hallt durch das komplette Stück. Es ist das musikalische Gegenstück zu Hebels alemannischem Dialekt, aber auch zu seinen ironischen Verzierungen: "der Bergmann hat sein Todtenkleid immer an", etc. Ich nenne diese Art der Adaption "Anlandung", das Gegenstück zur "Aktualisierung". Ein denkwürdiges Beispiel für Anlandung ist die Legende von Josef von Arimathäas körperlicher Anwesenheit auf den Britischen Inseln. Diese Legende half dem Christentum dort wurzeln zu schlagen. Unverhofftes Wiedersehen ist deutsch/amerikanische Musik eines Kentners (der auch ein Grau ist).



Djuna Barnes ist eine authentische amerikanische Expressionistin und auf diese Art einzigartig in der amerikanischen Poesie. Ich vermute, dass sie sich dies von ihrem Freund Ernst Hanfstaengl aneignete, der Hitlers Pianist wurde, sich aber mit ihm zerstritt und beinahe aus einem Flugzeug in den Tod gestürzt wurde. Wir müssen keinen August Stramm importieren. In meinen Djuna Barnes Settings sind Indie-Rock und Kinderreime mein Berührungspunkt mit einheimischer Musik.


--William Kentner Anderson