Mehr Wagnerischer Eros & Thanatos

MEHR WAGNERISCHER EROS & THANATOS


Wir knüpfen an die Behandlung von Unverhofftes Wiedersehen an, mit einer weiteren
kurzen, kurzen und eng verwandten Geschichte, Greifensee, von Robert Walser.


Während nichts so erkennbar ist, wie Wagners aurales, melodisches Sinnbild von Eros & Thanatos, ist Greifensee das beste Beispiel für Eros/Thanatos als eine Einheit und ein Kontinuum in der Literatur, das ich je gesehen habe. Unverhofftes Wiedersehen war für Franz Kafka von großem Interesse. Kafka war auch ein großer Bewunderer von Robert Walser. Walter Benjamin folgt dieser Verbindung.

Ich lernte kürzlich, dass der Titel alles verrät: Das Umgreifende
Hier ist die Geschichte von Robert Walser in  Englisch und anschließend in Deutsch. Vielen Dank an Susan Bernofsky für diese Übersetzung und an ihren Verlag, die Übersetzung hier benutzen zu dürfen. Sie stammt aus der Sammlung von Walser Übersetzungen mit dem Titel Masquerade and Other Stories.

Susan Bernofskys Übersetzung von Walser


Wenn Unverhofftes Wiedersehen proto-wagnerisch ist, dann ist Greifensee eine post- wagnerische Komprimierung. Beide sind webernisch in ihrem Umfang, im Gegensatz zu Wagners berühmter Weitschweifigkeit. Beide sind erfüllt von Ironie, die Wagner bekanntermaßen fehlt.

 

Der Greifensee
Es ist ein frischer Morgen und ich fange an, von der grossen Stadt und dem grossen bekannten See aus nach dem kleinen, fast unbekannten See zu marschieren. Auf dem Weg begegnet mir nichts als alles das, was einem gewöhnlichen Menschen auf gewöhnlichem Wege begegnen kann. Ich sage ein paar fleissigen Schnittern „guten Tag“, das ist alles; ich betrachte mit Aufmerksamkeit die lieben Blumen, das ist wieder alles; ich fange gemütlich an, mit mir zu plaudern, das ist noch einmal alles. Ich achte auf keine landschaftliche Besonderheit, denn ich gehe und denke, dass es hier nichts Besonderes mehr für mich gibt. Und ich gehe so, und wie ich so gehe, habe ich schon das erste Dorf hinter mir, mit den breiten grossen Häusern, mit den Gärten, welche zum Ruhen und Vergessen einladen, mit den Brunnen, welche platschen, mit den schönen Bäumen, Höfen, Wirtschaften und anderem, dessen ich mich in diesem vergesslichen Augenblick nicht mehr erinnere. Ich gehe immer weiter und werde zuerst wieder aufmerksam, wie der See über grünem Laub und über stillen Tannenspitzen hervorschimmert; ich denke, das ist mein See, zu dem ich gehen muss, zu dem es mich hinzieht. Auf welche Weise es mich zieht, und warum es mich zieht, wird der geneigte Leser selber wissen, wenn er das Interesse hat, meiner Beschreibung weiter zu folgen, welche sich erlaubt, über Wege, Wiesen, Wald, Waldbach und Feld zu springen bis an den kleinen See selbst, wo sie stehen bleibt mit mir und sich nicht genug über die unerwartete, nur heimlich geahnte Schönheit desselben verwundern kann. Lassen wir sie doch in ihrer althergebrachten Überschwenglichkeit selber sprechen: Es ist eine weisse, weite Stille, die wieder von grüner luftiger Stille umgrenzt wird; es ist See und umschliessender Wald; es ist Himmel, und zwar so lichtblauer, halbbetrübter Himmel; es ist Wasser, und zwar so dem Himmel ähnliches Wasser, dass es nur der Himmel und jener nur blaues Wasser sein kann; es ist süsse blaue warme Stille und Morgen; ein schöner, schöner Morgen. Ich komme zu keinen Worten, obgleich mir ist, als mache ich schon zu viel Worte. Ich weiss nicht, wovon ich reden soll; denn es ist alles so schön, so alles der blossen Schönheit wegen da. Die Sonne brennt herab vom Himmel in den See, der ganz wie Sonne wird, in welcher die schläfrigen Schatten des umrahmenden Lebens leise sich wiegen. Es ist keine Störung da, alles lieblich in der schärfsten Nähe, in der unbestimmtesten Ferne; alle Farben dieser Welt spielen zusammen und sind eine entzückte, entzückende Morgenwelt. Ganz bescheiden ragen die hohen Appenzellerberge in der Weite, sind kein kalter Misston, nein, scheinen nur ein hohes, fernes, verschwommenes Grün zu sein, welches zu dem Grün gehört, das in aller Umgebung so herrlich, so sanft ist. O wie sanft, wie still, wie unberührt ist diese Umgebung, wird durch sie dieser kleine, fast ungenannte See, ist selber also so still, so sanft, so unberührt. - Auf eine solche Weise spricht die Beschreibung, wahrlich: eine begeisterte, hingerissene Beschreibung. Und was soll ich noch sagen? Ich müsste sprechen wie sie, wenn ich noch einmal anfangen müsste, denn es ist ganz und gar die Beschreibung meines Herzens. Auf dem ganzen See sehe ich nur eine Ente, welche hin und her schwimmt. Schnell ziehe ich meine Kleider aus und tu wie die Ente; ich schwimme mit grösster Fröhlichkeit weit hinaus, bis meine Brust arbeiten muss, die Arme müde und die Beine steif werden. Welch eine Lust ist es, sich aus lauter Fröhlichkeit abzuarbeiten! Der eben beschriebene, mit viel zu wenig Herzlichkeit beschriebene Himmel ist über mir, und unter mir ist eine süsse, stille Tiefe; und ich arbeite mich mit ängstlicher, beklemmter Brust über der Tiefe wieder ans Land, wo ich zittere und lache und nicht atmen, fast nicht atmen kann. Das alte Schloss Greifensee grüsst herüber, aber es ist mir jetzt gar nicht um die historische Erinnerung zu tun; ich freue mich vielmehr auf einen Abend, auf eine Nacht, die ich hier am gleichen Ort zubringen werde, und sinne hin und her, wie es an dem kleinen See sein wird, wenn das letzte Taglicht über seiner Fläche schwebt, oder wie es sein wird hier, wenn unzählige Sterne oben schweben - und ich schwimme wieder hinaus. -  (Juli 1899 in “Sonntagsblatt des Bund“, Bern)

 

 

It’s chilly this morning, and I set out at a march from this large city with its large, famous lake for a small lake known almost to no one.  On the road I find nothing any ordinary man might not find on any ordinary road.  I wish “Good morning” to a few hard-working reapers, that’s all; I glance attentively at the lovely flowers, again that’s all; I cosily start chatting to myself, once more that’s all.  None of the landscape’s special features draws my gaze, for, walking, I’m convinced there’s nothing special here for me any longer.  So I go on, striding along at such a pace that the first village is already behind me with it tall, wide houses, its gardens that invite you in to rest and forget, its splashing fountains, its beautiful trees, farms, inns and other things that, in the forgetful moment, I can no longer recall.  I keep on walking, and the next time I look up, it’s to see the shimmer of the lake above green foliage and silent fir-tips; this is my lake, I think, I must go to it, I feel drawn there.  You, too, dear reader, will see how and why I feel drawn should it interest you to keep pursuing my description, which takes the liberty of skipping over roads, meadows, forest, stream, and field, thus arriving on the banks of the little lake itself where the two of us, I and it, stop short and cannot get over the lake’s unexpected beauty, of which we had only a secret inkling.  But let’s give the description itself, in its traditional effusiveness, a chance to speak:  a wide, white stillness it is, ringed in turn by an ethereal, green stillness; it is lake and encircling forest it is sky, such a light blue, half overcast sky; it is water, water so like the sky it can only be sky, and the sky only blue water; sweet, blue, warm stillness it is, and morning; a lovely, lovely morning.  I cannot find the words, yet I’m afraid I’ve already been too wordy.  I don’t know what I should speak of, for it is, all of it, so beautiful, only there for the sake of beauty.  The sun blazes down from the sky into the lake, which itself takes on the appearance of sun, the sleepy shadows of the life all around it swaying softly within.  Not the slightest disturbance; everything is lovely in the closest proximity, the most indefinite distance; all the world’s colors harmonize into an enchanted, enchanting morning world.  Modestly the high Appenzeller mountains tower up far away, but not as a coldly discordant note, no, they seem nothing more than a high, distant, hazy green, a part of the green that is so splendid, so gentle throughout the whole region.  Oh, how gentle, how still, how unspoiled this region is, marking this small, almost nameless lake also so still, so gentle, so unspoiled.—This is truly the way the description speaks:  a thrilled, enthralled description.  And what else should I say?  If I had to begin again, I’d speak as it does, **for it is really my heart speaking there**.  On the whole lake I see only a single duck swimming to and fro.  I swiftly strip off my clothes and follow the duck’s example; I swim far out with the greatest joy until my chest begins to heave, my arms tire, my legs stiffen.  What a delight, working oneself to exhaustion for sheer joy!  The sky just described, described with far too little warmth, is above me, and below lie the sweet, silent depths; and with a fearful, apprehensive breast I struggle over the depths back to shore, where I shiver and laugh and cannot breathe, can barely breathe.  From the opposite bank, old Greifen Castle salutes me, but historical memories concern me little at present; I am looking forward to an evening, a night I will pass here, in the very place, and I wonder what it will be like beside the tiny lake when the last daylight hovers over its surface, or what it will be like here when innumerable stars hover above—and I swim out again.––